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Christina Lindholm, Interview
Von Haupt & Binder

Christina Lindholm

 

Haupt & Binder: Welches ist die Grundidee bzw. das Hauptziel der VCUQ?

Christina Lindholm: Die VCUQ bereitet Studentinnen auf die berufliche Tätigkeit als Designerinnen vor. Die Schule lehrt sie, wie man Probleme auf eine Weise lösen kann, die für diese Region von Bedeutung ist, wie man eine Sprache, eine Kultur des Designs entwickelt, ein Vokabular, eine Bibliothek von Zeichen, die auf der hiesigen Kultur und Geschichte basieren und den Menschen in dieser Region etwas sagen. Das ist für mich vor allem wichtig, denn den Studentinnen sollen nicht einfach nur westliche Ideologien und Praktiken aufgedrängt werden. Wir möchte ihnen Fähigkeiten und Methoden vermitteln, damit sie ihre Talente und ihre Fantasie in einer ganz eigenen Weise entfalten können.

Das ist eine große Herausforderung, denn Design als Wirtschaftszweig gibt es hier nicht. Bis in die 1950er Jahre war Katar eines der ärmsten arabischen Länder. Das Überleben war äußerst schwierig, die Menschen lebten vom Perlentauchen oder auch von Tierhaltung in geringem Umfang. Aber seitdem Gas und Öl entdeckt wurden, gibt es hier viel Geld. Es wird in das Land investiert, das praktisch aus dem Nichts aufgebaut wird und sich täglich verändert. Der Beitrag zur Infrastruktur des Landes, den die Studentinnen unserer Schule zu leisten in der Lage sein werden, wird ein dauerhaftes Erbe der künftigen Generationen sein. Und das hat ebenso Konsequenzen für die zeitgenössische Kunst, denn obwohl die meisten von ihnen in Richtung Design gehen, entscheiden sich einige wohl auch für den Weg in die "freien" Künste.

H&B: Der größte Teil der Lehrkräfte der VCUQ kommt aus den USA. Ist es nicht schwierig, sich vor allem auf das Methodische zu konzentrieren und den eigenen kulturellen Hintergrund möglichst zurückzustellen?

CL: An der VCU geht es sehr viel um den Prozess, auch an den Universitäten in den USA. Der Prozess an sich wird stark betont, fast mehr als das Produkt. Das heißt, die Umstellung ist nicht so schwer, wie man denken könnte. Selbstverständlich haben einige Leute ihre eigenen Vorstellungen davon, wie ein Resultat aussehen sollte, aber die meisten an der VCU konzentrieren sich auf den Prozess als solchen.

H&B: Im allgemeinen kommen die Studentinnen sehr jung an die VCUQ, so mit 17-18 Jahren. Haben sie schon eine Vorstellung von dem Beruf, auf den sie das Studium vorbereiten soll?

CL: Nein, sicher nicht. Sie wissen, dass sie etwas kreatives machen wollen, und sie wissen auch, was an dieser Schule gelehrt wird, denn schon bei der Anwerbung informieren wir sehr genau über das Ausbildungsprogramm und das Profil der möglichen Berufe. Aber selbst während der Grundkurse im ersten Jahr haben sie noch keine klare Vorstellung davon, um was es beim Design eigentlich geht. Das ändert sich natürlich bis zum Abschluss des Studiums, in dessen Verlauf sie über gut strukturierte Projekte die für die berufliche Tätigkeit erforderlichen Fertigkeiten und Kenntnisse erwerben.

H&B: Lehrt die Schule auch so etwas wie eine berufliche Ethik?

CL: Ja, es gibt einen Kurs, den alle Studentinnen belegen müssen, in dem es um Geschäftsethik und die Design-Ethik in den verschiedenen Bereichen geht. Das ist ein sehr interessantes Thema, denn was wir in den USA als ethisch oder ethisch nicht vertretbar ansehen, kann hier ganz andere Nuancen haben. Also verbringen wir sehr viel Zeit damit, dem Thema auf den Grund zu gehen und es im Hinblick auf die hiesigen ethischen Grundsätzen zu untersuchen.

H&B: Wie werden die Lehrkräfte vorbereitet, bevor sie ihre Tätigkeit an der VCUQ in Katar beginnen?

CL: Sobald klar ist, dass eine neue Lehrkraft zu uns kommen wird, beginnen die Gespräche und Beratungen, unterstützt durch reichlich Informationsmaterial, und viele statten uns hier in Katar erst mal einen Besuch ab. Bevor die Arbeit beginnt, erhalten die neuen Lehrkräfte einen zweiwöchigen Orientierungskurs. Wir versuchen auch, sie mit Kollegen zusammenzubringen, die schon länger hier sind und den Neuankömmlingen in der Anpassungsphase zur Seite stehen können.

H&B: Gibt es eine besondere Vorbereitung hinsichtlich der Geschichte und Kultur Katars und der arabischen Welt?

CL: Ja, die neuen Lehrkräfte erhalten Informationen zur Landeskunde und Kultur, wir empfehlen ihnen Bücher und Websites. In vielen Gesprächen erläutern wird ihnen die Umgangsformen hierzulande und was beim Kontakt mit den Studentinnen anders ist, als in den USA. Zum Beispiel kann sich eine Lehrerin in den USA im Grunde so kleiden, wie sie will, während ihre Kleidung hier zurückhaltend und ihr Verhalten viel besonnener sein müssen. Was die Sicherheit betrifft, so haben wir keinerlei Befürchtungen, Katar ist für uns wirklich sehr sicher. Worauf wir hingegen achten, ist die Kataries nicht mit einer sehr lässigen amerikanischen Art zu beleidigen.

H&B: Ist daran gedacht, an der VCUQ in Zukunft auch lokale Fachkräfte einzustellen? Werden Studentinnen in die Lage versetzt, später einmal selbst an der Schule zu unterrichten?

CL: Ja, das ist eines unserer Ziele. Aber unsere Absolventinnen sollen erst mal professionelle Erfahrungen als Designerin sammeln, so wie fast jeder aus unserem Lehrkörper, denn die meisten haben im Beruf gerabeitet. Sie könnten dann Graduiertenprogramme absolvieren und - wenn sie wollen - anschließend als Lehrkraft zu uns zurückkommen. Ein großer Vorteil wäre, dass sie das Ausbildungssystem der VCU kennen und durch ihre Weiterbildung und eigene berufliche Erfahrungen etwas Neues und Frisches beisteuern könnten.

H&B: Aber bedeutet das nicht, dass sie zur Fortsetzung ihrer Ausbildung ins Ausland gehen müssten?

CL: Wahrscheinlich ja. Einige werden sicher diese Möglichkeit haben. Wir hoffen aber, in den nächsten Jahren hier in Katar selbst ein Graduiertenprogramm in Grafikdesign und Innengestaltung anbieten zu können.

H&B: Das Studium an der VCUQ dauert 4 Jahre und beginnt vermutlich mit einem Aufbaukurs. Wann setzt die Spezialisierung auf bestimmte Disziplinen ein?

CL: Im zweiten Jahr. Im ersten Jahr belegen alle die gleichen Kurse: Farbgestaltung, Perspektive, Zeichnen, zweidimensionales Design, dreidimensionales Design, konzeptionelles Denken, also das ganze Programm, das normalerweise überall zur Grundausbildung eines Kunststudiums gehört. Anschließend müssen sich die Studentinnen dann für die weitere Spezialisierung in Grafikdesign, Innengestaltung oder Modedesign entscheiden. Es gibt weiterhin auch einige gemeinsame Kurse, damit sie mit verschiedenen Medien vertraut werden, aber die Fachprogramme sind schon sehr spezifisch.

H&B: Welche beruflichen Chancen haben die Absolventinnen nach dem Studium? Und die erste Frage ist natürlich, wie viele von ihnen angesichts der traditionellen Rolle der Frau in diesem Lande überhaupt eine Karriere als professionelle Designerin anstreben?

CL: Das ist ein wichtiger Punkt. Manche von ihnen möchten von vornherein nicht arbeiten, viele hingegen schon. Die Studentinnen stehen unter keinen finanziellen Zwängen, so dass sie unbedingt Geld verdienen müssten. Wie es in dieser Kultur üblich ist, heiraten die meisten von ihnen ziemlich jung und bekommen Kinder. Ich würde aber sagen, dass diejenigen, die nach dem Studium arbeiten wollen, durchaus einen Job fänden. Vielleicht gründen einige von ihnen sogar eine eigene Firma oder Agentur.

Neben dem Studienbetrieb bemühen wir uns, Unternehmen, die Leistungen im Bereich des Design anbieten oder brauchen und bei denen unsere Absolventinnen arbeiten oder weiter ausgebildet werden könnten, für Doha als Standort zu interessieren. Wir haben hier z.B. eine Niederlassung von Fitch International, einem großen Unternehmen für Werbung und Marketing, das ein Büro im Gebäude der VCUQ beziehen und mit unseren Absolventinnen bei Aufträgen für die 2006 in Doha veranstalteten Asian Games zusammenarbeiten will. Das ist sehr aufregend. Normalerweise würde man gleich nach dem Studium nie bei einem Projekt dieser Größenordnung mitmachen können.


Haupt & Binder
Gerhard Haupt und Pat Binder. Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst; Mitherausgeber, Chefredaktion des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.


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Christina Lindholm
Dean der Virginia Commonwealth University School of the Arts in Qatar (VCUQ)

 

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