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Richard E. Toscan, Interview
Von Haupt & Binder

Richard E. Toscan

 

Haupt & Binder: Können Sie uns etwas über die Geschichte der VCUQ sagen und dazu, wie sich die Universität in den kulturellen Kontext in Katar einfügt?

Richard E. Toscan: Als wir 1997 nach Katar eingeladen wurden, interessierte uns daran besonders, dass es sich um ein Programm ausschließlich für Frauen handeln sollte. Eine solche Spezialisierung fand ich schon immer interessant, und gerade hier in dieser Kultur erschien sie mir sehr sinnvoll. Mit der Gründung der Schule wollte Ihre Königliche Hoheit, Sheikha Mozah Bint Nasser Al-Missned, jungen Frauen an diesem Ort eine berufliche Qualifikation im Bereich des Designs ermöglichen, die Männer hier kaum erhalten konnten. Ohne mit Männern, die ihren Abschluss in den USA oder Großbritannien machten, in Konkurrenz treten zu müssen, sollten die Chancen der Frauen beim Aufbau eines neuen Wirtschaftszweigs für Design in Katar verbessert werden.

Von Anfang an wollten wir auf keinen Fall bloß einen amerikanischen Stil des Designs hierher transferieren, denn die Schule soll ja Studentinnen für die Arbeit in der arabischen Welt qualifizieren. Wir bemühen uns deshalb darum, einen amerikanischen Ansatz im Prozess des kreativen Gestaltens zu vermittlen, also wie man sich außerhalb von Schubladendenken auf nicht-hierarchische Weise mit gestalterischen Aufgaben auseinandersetzt. Mit diesen methodischen Voraussetzungen sollen die Studentinnen dann ein Design entwickeln, das ihrer eigenen Kultur, ihren sozialen Werten und all den Aspekten entspricht, durch die es in der arabischen Welt funktionieren kann.

Aber selbst das Lehren eines Prozesses kann starke politische Implikationen haben. In einer Kultur, die traditionell sehr hierarchisch ist und in der die Entscheidungsfreiheit eingeschränkter als etwa bei uns in den USA ist, bemühen wir uns darum, ein nicht-hierarchisches Denken bei der Lösung von Problemen zu vermitteln. Ich hätte früher nie gedacht, dass das Lehren von Design einen politische Effekt haben könnte, aber den wird es zweifelsohne mit sich bringen. Diese Wirkung geht aber durchaus in Richtung der Entwicklung, die der Emir von Katar und Ihre Königliche Hoheit, Sheikha Mozah, für ihr Land anstreben.

H&B: Wie kam die Einladung zustande, die VCUQ aufzubauen?

RT: Die Kataries schauten sich die nationalen Rankings der Kunstschulen in den USA an, einen jährlich veröffentlichten Bericht, und da waren wir immer an guter Position. Sie wollten eine Kunstschule im amerikanischen Stil, und so kamen sie im August 1997 zu uns und luden uns nach Katar ein, um uns die Gegebenheiten zu zeigen. Wir kamen und trafen uns mit Ihrer Königlichen Hoheit, besuchten Grundschulen und Sekundarschulen und sahen uns deren Kunstangebote an. Begeistert kehrten wir in der Überzeugung zurück, dass solch ein Projekt möglich sein würde. Wir hatten zuvor schon mit anderen Teilen der Welt zu tun, mit Süd- und Mittelamerika, Afrika, Asien, natürlich Europa, aber noch nie mit dem Mittleren Osten, das war also sehr aufregend.

H&B: Das Studium dauert 4 Jahre, Sie hatten also schon die ersten Absolventenjahrgänge. Sind sie mit den Resultaten zufrieden?

RT: Ja, zwei Jahrgänge haben ihre Abschlüsse bereits hinter sich. Deren Leistungen sind sehr stark, in ähnlicher Qualität, wie die besten Arbeiten am Hauptsitz unserer Universität in Richmond, Virginia. Manche finden die in Katar in einigen Bereichen entstandenen Arbeiten sogar besser als vergleichbare in Richmond. Wir hatten gerade ein Projekt aus der Abteilung für Innengestaltung - ich denke, im Zusammenhang mit dem Thema Brustkrebs -, das zu den Finalisten der Interior Design Educators Conference gehörte, die vor ein paar Wochen zu Ende ging. Der VCU-Beitrag, der diesen Wettbewerb gewann, kam aus Katar.

H&B: Wie denkt man in Richmond darüber? Wird das als eine Konkurrenz gesehen oder ist man eher stolz darauf?

RT: Sehr stolz, sehr begeistert.

H&B: Das Programm, das Sie hier realisieren, scheint uns sehr wichtig zu sein, um etwas zum Abbau der seit dem 11. September verschärften Vorurteile sowohl gegenüber der islamischen Welt als auch gegenüber den USA beizutragen. Sehen Sie in dieser Hinsicht irgendwelche Wirkungen?

RT: Das State Department ließ uns wissen, dass unser Projekt hier sehr wichtig sei, um ein anderes Gesicht von Amerika zu zeigen. Und ich denke, dass dem tatsächlich so ist, denn nach dem 11. September und während des Golfkrieges gaben uns die Studentinnen zu verstehen, sie würden sehr wohl zwischen unseren Lehrern und der politischen Macht der USA differenzieren. Die Lehrkräfte der VCUQ haben sich hier immer willkommen gefühlt und sind nie mit den Problemen Amerikas mit der Welt vermengt worden.

Von Anfang an haben wir unsere Lehrkräfte dazu angehalten, sich nicht in die politischen und sozialen Angelegenheiten des Gastlandes einzumischen. Wenn sie ein politisches Statement abgeben wollen, dann sollte es die Methode des Lehrens und Denkens sein. Auf Grund dieses Ansatzes haben sich die Studentinnen bei uns immer wohl gefühlt und sehen uns nicht als Vertreter der Bush-Administration oder der internationalen amerikanischen Macht.

H&B: Uns hat beeindruckt, wie familiär der Kontakt zwischen Studentinnen und Lehrkörper ist, und immerhin sind ja einige von ihnen die Töchter der hiesigen Entscheidungsträger...

RT: Das ist sehr richtig, und nach ihrem Abschluss an der VCUQ werden sie einen wesentlichen Einfluss haben. Sehr interessant war, dass mir 1998, nach dem ersten Jahr der Existenz unserer Schule, mehrere Väter bei uns studierender junger Frauen von dem Unterschied berichteten, den sie zwischen diesen und anderen Töchtern bemerkten, die auf die staatliche Universität in Katar gingen. Die Geschichte war immer dieselbe: die Tochter in der staatlichen Schule hatte nie Hausaufgaben zu erledigen, und das Studium an der Universität würde bei ihr nie irgendwelche spürbaren Veränderungen zur Folge haben. Sie ging jeden Abend ins Einkaufszentrum oder wohin auch sonst immer. Dagegen saß die an der VCUQ studierende Tochter bis 22:00 oder 23:00 an ihren Hausaufgaben oder kehrte selbst am Abend noch einmal in die Schule zurück. Und nach den ersten sechs oder sieben Monaten war ein deutlicher Unterschied in ihrem sozialen Verhalten festzustellen. Sie wurde zielstrebiger, artikulierter, in der Lage, ihre Wünsche für die Zukunft zu formulieren, Gespräche auf hohem Niveau sowohl mit Männern wie mit Frauen zu führen. Als ein Resultat der Freiheit des auf dem amerikanischen Stil beruhenden Ansatzes der Ausbildung findet also eine soziale Transformation statt, die sich auf das Benehmen und die Einstellungen im Alltag auswirkt.

H&B: Und mögen die Väter das?

RT: Ja, sie erwähnten es lobend und bewunderten das an ihren Töchtern.

H&B: Wir hörten, dass die Schule zusehends wächst. Welches sind ihre Pläne für die Zukunft?

RT: Wir möchten nicht, dass die Zahl der Stundentinnen über 200 hinausgeht, jetzt sind es 150. Das wäre die adäquate Größenordnung, denn Katar ist ein kleines Land. Neben der Erweiterung der Schule versuchen wir, in Katar eine Design-Industrie für die arabische Welt aufzubauen, wobei die Kampagne für die Asian Games 2006 in Partnerschaft mit Fitch international der Höhepunkt sein wird.

Mit der Qatar Foundation führen wir auch Gespräche über neue Programme möglicherweise im musealen oder kuratorialen Bereich, u.a. wegen der vielen neuen Museen, die hier im Entstehen sind.

Am Ende des Flurs haben wir eine Galerie, in der wir pro Jahr 6 bis 7 Ausstellungen aus der arabischen Welt - und aus den USA und anderen Ländern - zeigen, so dass die Studentinnen immer auch Beispiele aus ihrer eigenen Kultur zu sehen bekommen. Wir bemühen uns sehr intensiv darum, zu untersuchen, was Design aus der arabischen Welt ist, das vor Jahrhunderten sehr stark war, dann aber verloren oder so voll und ganz in die Alltagskultur einging, dass es nicht mehr explizit als Design wahrgenommen wurde. Unsere Schule bemüht sich sehr darum, arabische Ansätze im Design zu würdigen und sichtbar zu machen, damit die traditionellen Stile besser aufgenommen und an die aktuellen Anforderungen und Bedürfnisse unserer Zeit angepasst werden können.


Haupt & Binder
Gerhard Haupt und Pat Binder. Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst; Mitherausgeber, Chefredaktion des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.


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Richard E. Toscan
Dean der Virginia Commonwealth University School of the Arts in Richmond/VA (USA), dem Hauptsitz der VCU

 

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