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Dream City II "Wir haben immer von einer Stadt geträumt, in der die alte und die moderne Welt in Harmonie nebeneinander existieren können. [...] Wir haben geträumt, dass Kunst an allen Straßenecken passiert und dass sich Zeit und Ort des künstlerischen Geschehens im Alltag einfinden können." Mit dieser Darlegung eröffnete das Choreographenduo Selma und Sofiane Ouissi das Festival zeitgenössischer Kunst Dream City II, das immerhin vier Tage lang diesen Traum in der Altstadt von Tunis in Erfüllung gehen ließ. (Neue) Orte der Kunst im arabischen Raum zu schaffen, Platz zu geben für künstlerische Interventionen, die für ein lokales (arabisches) Publikum bestimmt sind - beides bis dahin ziemlich rar -, war 2007 die Grundidee der belgischen Festivalmacherin Frie Leysen [1]. Denn ihrer Meinung nach produzieren die Künstler weltweit nach wie vor hauptsächlich für den Kunstmarkt im Westen. Als Leysen 2007 im Rahmen von meeting points 5[2] das Geschwisterpaar Selma und Sofiane Ouissi beauftragte, ein maßgeschneidertes Kunstprogramm für die Stadt Tunis auf die Beine zu stellen, geschah das mit der Vorgabe, Kunst einer jüngeren Generation zu präsentieren, die die Situation der Stadt Tunis reflektiert. Dies war die Geburtsstunde von Dream City I, einem recht ungewöhnlichen Spektakel der Künste in der Altstadt von Tunis. Ursprünglich angedacht als Kunstbiennale, musste Dream City II letztes Jahr aufgrund einer politischen Veranstaltung im Land kurzfristig abgesagt werden. Die längere Vorbereitungszeit ließ das Projekt nur wachsen: vom 13. bis 16. Oktober 2010 wurde die Altstadt von Tunis nun zum zweiten Mal zur 'Traumstadt'.
Weniger als 'Festival', sondern mehr als 'Denklabor', beziehungsweise als 'Brutstätte' für kreatives Schaffen möchten die Kuratoren Dream City verstanden wissen. Eine Gruppe von Künstlern und Urbanisten aus dem In- und Ausland wurde einberufen, um an einem Modell zu basteln, das die Stadt neu erfindet. Wie schon bei Fluxus, wird dabei auf die "Demokratisierung der Kunst" gesetzt. Die "Partizipation des Publikums an Kunstaktivitäten" sowie die "Auflösung der künstlerischen Medienabgrenzungen" à la John Cage werden propagiert. Statt in den heiligen Hallen der Kunstinstitutionen findet die Kunst nun im öffentlichen Raum statt. So waren die Orte des Geschehens von Dream City II verwinkelte Gässchen der Altstadt, verlassene Palais, Madrasas, Bibliotheken, Grabmäler oder Baustellen - alles in allem recht ungewöhnliche -Plätze, jedoch Orte der sozialen Begegnung. Die Rampe der Bühne als Trennungslinie zwischen Realität und Fiktion verschwand und das Publikum, aber auch zufällige Passanten, gingen auf Tuchfühlung mit den Akteuren aus solchen unterschiedlichen Bereichen wie bildender Kunst, Theater, Film, Tanz, Musik, Fotografie, Architektur oder Soziologie. 24 der 40 in Dream City II präsentierten Arbeiten waren ortsspezifisch. Der Großteil davon setzte sich mit der urbanen Kultur (Dalel Tangour, Zied Meddeb Hamrouni) sowie mit dem sozialen Gefüge der Stadt (Héla Ammar, Sonia Kallel, Faten Rouissi) auseinander. Andere wiederum enthüllten Monster einer geteilten Geschichte, wie z.B. Wael Shawky, der die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber neu erzählt [3]. Digital manipulierte Fotoarbeiten von Patricia Triki stellten 'die Traumstadt' in neuem Kolorit großformatig im Großraum Tunis zur Schau. Wüste Baustellen oder einsame Gässchen wurden durch eigens komponierte Lieder (Alia Sellami) beseelt, und ein grauer Innenhof ist durch eine aufblasbare Skulptur in Form monströser Blumen und künstliches Vogelgezwitscher belebt worden (ParadeDesign). Einige Künstler riefen großes Staunen hervor, so Maren Strack mit ihrem altbewerten Rapunzel-Muddclubsolo und Johan Lorbeer mit Tarzan. Der Letztgenannte kam dem Konzept einer 'demokratischen Kunst' wohl am nächsten. Denn während sich der Großteil der Projekte versteckt in Innenhöfen oder auf verlassenen Plätzen abspielte, war Lorbeers Still-Leben Performance an einer Hausfassade an einer viel befahrenen Straße nicht nur für jedermann zugänglich, sondern ließ jedes Mal eine Menschentraube zusammenlaufen und abgelenkte Autofahrer ein Verkehrschaos verursachen; selbst Lobpreisungen Gottes kamen zu Gehör. Auffällig war die Nicht-Präsenz von Beiträgen politisch-kritischen Inhalts. Statt zu politisieren oder Gesellschaftskritik zu üben, setzten die Festivalteilnehmer vielmehr auf eine Sensibilisierung der Sinne, was den Lustfaktor und Unterhaltungswert der Veranstaltung eher erhöhte. "Entertainment und Kunst sind nicht voneinander isoliert. Das Entertainment ist in der Kunst wie die Farbe in der Kunst", soll Martin Kippenberger einmal gesagt haben. Große Experimentierfreudigkeit sowie die Suche nach dem Unbekannten und das Zulassen von Pluralität waren in Dream City II allgegenwärtig. Dies lässt auch den Anspruch auf absolute Erfüllung offen, so dass der schöne Traum einer Stadt in Harmonie noch nicht ausgeträumt ist und spätestens in zwei Jahren, nämlich 2012, erneut in Erscheinung treten kann. Anmerkungen
Siehe auch in Nafas und Universes in Universe: Tunesiens aktuelle Kunstszene
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