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Juli 2010 |
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Unerwartet / Unexpected
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Der Kurator über das Konzept dieses Projekts für das Kunstmuseum Bochum. "UNERWARTET / UNEXPECTED - Von der islamischen zur zeitgenössischen Kunst" ist ein Projekt des Kunstmuseums Bochum im Rahmen des unter dem Titel Mapping the Region stehenden gemeinsamen Auftritts der RuhrKunstmuseen anlässlich von Europäische Kulturhaupstadt RUHR.2010.
Die Ausstellung operiert auf drei Ebenen. Den Ausgangspunkt bilden großformatige Fotografien des finnischen Künstlers Tuomo Manninnen, die zehn Familien mit Wurzeln in islamischen Ländern präsentieren. Diese Familien leben teilweise schon in der dritten oder vierten Generation in verschiedenen Städten des Ruhrgebiets und zeigen sich in ihrem heutigen Umfeld. Die Begriffe "Islam", "Kultur" und "zeitgenössische Kunst" sind in den kulturpolitischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West unterschiedlich besetzt. Eine abschließende Klärung dieser problematischen Begrifflichkeiten ist komplex und keine primäre Zielsetzung dieses Projekts, zumal der zeitgenössische Teil der Ausstellung nicht generell "die" islamische Kunst oder Kultur darstellen möchte oder kann, sondern vor allem die Strategien der jungen Künstlergeneration ins Auge fasst. Letztere demonstriert auf sehr eigenständige Weise ihre Sicht auf die Welt, in der sie lebt. Das "contemporary image making" ihrer Arbeiten wird von einer Wahrnehmung bestimmt, die sich oft fragmentarischer, surrealistischer oder poetischer Mittel und Elemente bedient, unabhängig von regionalen, ethnischen und historischen Bedingungen. Für Beobachter der heutigen Konstellationen zwischen Orient und Okzident ist sehr gut nachzuvollziehen, warum Schriftsteller und Künstler, die in islamisch geprägten Kulturen ihre Herkunft haben, ablehnend reagieren, wenn man sie aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit politischen, soziologischen oder ästhetischen Kategorien zuordnen möchte; verweisen sie doch mit Recht darauf, dass diese primär in westlichen Vorstellungen und Vorurteilen ihren Ursprung haben. Mitteleuropäer können schwer verstehen, warum solche kategorialen Zuordnungen in islamischen Kulturen negativ besetzt sind. Aus dem Kolonialismus ist die vermeintliche Überlegenheit des europäischen Wertesystems gegenüber der Kunst anderer Kulturen herzuleiten, insbesondere im Hinblick auf islamisch geprägte Länder. Bis in die Gegenwart ist es kaum gelungen, zeitgenössische Kunst aus diesen Ländern aus einem Blickwinkel der Gleichberechtigung, ohne Vereinfachungen und Verallgemeinerungen zu betrachten. Der Titel "UNERWARTET / UNEXPECTED" bezeichnet die übliche erste Reaktion eines eurozentrisch orientierten Kunstpublikums, wenn es um heutige Kunst aus islamischen Kulturen geht. Ein Hauptanliegen der Ausstellung ist der Versuch, den Transfer neuer kultureller Erfahrungen und Austauschbeziehungen wahrzunehmen. Während sich die bisherige Praxis verwandter Ausstellungen im deutschsprachigen Raum ( z.B. DisORIENTation, Zeitgenössische arabische Kunstproduktion aus dem Nahen Osten, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2003; TASWIR, Islamische Bildwelten und Moderne, Martin Gropius-Bau, Berlin, 2010) auf einfache "Präsentionen" oder auf eine "Aufforderung zum Dialog" konzentriert hat, wird im Kunstmuseum Bochum eine andere Darstellungsform erprobt. Dabei zieht sich die Vergegenwärtigung der Migration aus islamischen Ländern in das Ruhrgebiet wie ein Roter Faden durch die Ausstellung. Einwanderer in das Ruhrgebiet fanden sich hier zunächst nur mit der Perspektive einer begrenzten Aufenthaltsdauer ein, bald aber kamen sie mit der festen Aussicht, den Rest ihres Lebens in dieser Region zu verbringen. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten zeigt die gelungene Integration der zweiten und dritten Generation von "Gastarbeiter"- Kindern, welche Fortschritte im Sinne von Chancengleichheit und Gleichberechtigung inzwischen beim Zusammenleben von Einheimischen und Einwanderern im Ruhrgebiet erzielt werden konnten. Das ist eine der wichtigsten Aussagen der Fotos von Tuomo Manninen. Die Dichter Nazim Hikmet, Mahmoud Darwish und Adonis bezeichnen in ihrer Prosa kreative Menschen oft als "innere Immigranten", die, von unterschiedlichen Motiven geleitet, neue Wege gehen. Deshalb scheint ein Vergleich zwischen damaligen "Gastarbeitern" und Künstlern, so wie dieser in der Ausstellung experimentell vollzogen wird, durchaus möglich. Neugier auf ein "neues Leben" in unbekannter, fremder Umgebung und der Wunsch, sozialen, politischen und kulturellen Zwängen zu entfliehen, sind vergleichbare Motive und Antriebskräfte beider Gruppen. Oft lesen sich die Biografien von Migranten und Künstlern wie Emanzipationsprozesse. Die Gewissheit, bald wieder in die Heimat zurückzukehren, war für die meisten "Gastarbeiter" überhaupt erst die Voraussetzung für die Bereitschaft, in ein anderes Land zu gehen. Fast die Hälfte der eingeladenen Künstler der Ausstellung lebt und arbeitet "in der Fremde". Sie pendeln ständig zwischen ihrem Geburts- und Arbeitsort, um neue Denkimpulse aufnehmen, die vielfach Gegenstand ihrer künstlerischen Projekte werden. Einige Aspekte der Ausstellung mögen "transitorisch" anmuten, weil sie verschiedene Traditionen der alten im Übergang zur neuen Heimat reflektieren. Fast alle Arbeiten verbindet die Auseinandersetzung mit der Geschichte und ihrem Weiterwirken in den neuen Lebensverhältnissen. Dabei geht es nicht nur um die Geschichte des Morgenlandes als einem abgegrenzten Bereich, sondern vielmehr um die Weltgeschichte, deren politische Folgen in islamisch geprägten Ländern besonders spürbar sind. Dabei kommt der "Wind", der gleichsam in allen Ecken der Ausstellungsräume weht, hauptsächlich aus südlicher und südöstlicher Richtung. Künstler/innen:
Tuomo Manninen
Hamra Abbas
Arahmaiani
Lara Baladi
Mounir Fatmi
Tarek Al-Ghoussein
Özlem Günyol
Arash Hanaei
Mustafa Kunt
Shady El Noshokaty
Zineb Sedira
Nebosja Seric Shoba
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>> Abbildungen
UNERWARTET / UNEXPECTED Kunstmuseum Bochum
Kortumstr. 147
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